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Am 11.10.2019 war es wieder mal soweit. Punkt 18:55h konnte Jan Eichler mit interessanten Podiumsgästen unser allseits bekanntes Feuer frei diskutieren, und das Thema diesen Abends lautete „Dolmetscher – Herz oder Geschäft?“. Tatsächlich war der Saal fast bis auf den letzten Platz besetzt (fast 270 Personen) und es wurde ein durchaus unterhaltsamer und diskussionsfreudiger/-hitziger Abend. Auf dem Podium saßen Alexandra Lorenz, Vorsitzende des Bundesverbandes der Gebärdensprachdolmetscher Deutschlands, CODA-Dolmetscherin Stefanie Klefeker, Petra Feldmann aus München vertrat die Kundenmeinung und als Gast aus dem Publikum meldete sich Vera Dreher. Sogar viele DolmetscherInnen kamen auch zu dieser Veranstaltung und verfolgten gespannt auf diese Diskussion, auch der gesamte Vorstand des Bundesverbandes der GebärdensprachdolmetscherInnen Deutschland war anwesend, ist ein wichtiger Hinweis, dass er mit diesem Thema ernst nahm. Ebenfalls war auch die Professorin Dr. Pamela Perniss von der Uni zu Köln, Abteilung Studiengang für Dolmetscher in Gebärdensprache als Besucherin dabei und begrüßte diese Diskussion sehr, wie sie nach der Veranstaltung mit dem Moderator J. Eichler anmerkte und sie nahm diese Erkenntnisse mit. Weitere Besucher kamen aus Berlin, Hamburg, München, Mannheim u. v. a. 

Für schallendes Gelächter und zustimmende Rufe aus dem Publikum sorgte gleich der erste Einspielfilm. Der bekannte englische Comedian John Smith parodierte sehr anschaulich, wie ein herzkranker Patient zum Arzt geht und nach seinem Dolmetscher verlangt. Dieser befindet sich aber gerade im Urlaub und hat laut seinem Terminplan erst in drei Wochen einen freien Termin. Daraufhin erleidet der Patient eine tödliche Herzattacke und der Dolmetscher sagt dann zum Arzt, falls für die Beerdigung ein Dolmetscher benötigt wird, solle man ihn umgehend kontaktieren. 

Aber gleich beim zweiten Film wurde es ernst. Es wurde die bekannte „Musikdolmetscherin“ Laura M. Schwengber gezeigt und es ist ja allseits bekannt, dass „Deaf Performance Now“ dafür kämpft, selber taube Musikdolmetscher zu fördern, anstatt dass Laura S. weiter eingesetzt wird, obwohl die meisten Gebärdensprachler sie kaum verstehen können. Auf die spontane Aufforderung des Podiums, sich im Publikum zu melden, wer sie nicht versteht, konnte man eine klare Mehrheit feststellen. Alexandra Lorenz nahm aber sogleich Laura S. in Schutz und erklärte, es hätten sich ja nicht ALLE gemeldet, woraus man schließen könne, dass sie doch noch von einigen Gehörlosen verstanden wird. 

Stefanie Klefeker entgegnet, dass die Musik eine Kultur der Hörenden ist. Uns gehört die Gebärdensprachpoesie, die ja nun ein Dolmetscher auch nicht übersetzen kann. Woraufhin Vera Dreher als Beispiel die finnische taube Musikband Signmark anführt, die wirklich von fast jedem in der Gebärdensprachcommunity verstanden wird.

Einhellig ist man aber auf dem Podium der Meinung, dass man aufhören sollte, ständig Laura als Zielscheibe der Beschimpfungen zu nutzen. Sie soll nicht für die schlechte Qualität der Dolmetscher für Gebärdensprache stehen. Alexandra Lorenz mahnt an, dass nicht alle bundesweiten Dolmetscher Mitglied im Bundesverband sind, und da es sich um Freiberufler handelt, kann man ihre Leistungen nun mal nicht kontrollieren. Man sei aber bemüht, durch das Entstehen einer Arbeitsgruppe die qualitativen Leistungen ständig zu reflektieren und zu verbessern.

Was der Gebärdensprachgemeinschaft aber ein Dorn im Auge ist, ist die Tatsache, dass Laura S. sich auch gern in Talkshows über die Gebärdensprachgemeinschaft äußert, was aber aufgrund der Sensibilität dieses Themas lieber einem Signer überlassen werden sollte, über uns zu sprechen. Auf die Frage des Moderators an Alexandra Lorenz, ob sie sich vorstellen könnte, wenn sie in einer Talkshow säße, erst über ihren Beruf spricht und dann gefragt wird, ob sie denn bitte auch aus der Gebärdensprachgemeinschaft berichten könne, dann antwortet, dass sie es nicht tut, sondern man lieber einen Gehörlosen fragen sollte, entgegnet sie, dass sie es sich absolut vorstellen könne, dies aber von den Fernsehmachern mit Sicherheit nicht geduldet wird. Die Fragen des Talkmasters werden im Vorfeld geklärt und abgesprochen, so dass ein plötzliches Nein vor laufender Kamera überhaupt nicht in Frage kommt. 

Jan Eichler spricht das Thema Machtverhältnis an, wobei er zustimmendes Klatschen aus dem Publikum erhält. Wenn ICH als Klient einen Dolmetscher bestelle, dann entscheide ICH auch, in welchem Umfang er mich begleitet. Dem stimmen auch Alexandra Lorenz und Stefanie Klefeker zu. Hier wird nochmal das Beispiel angeführt, dass Laura S. in Talkshows „über“ die Gebärdensprachgemeinschaft spricht und dies ist  – laut dem Moderator – ein Ausnutzen des Machtverhältnisses der Dolmetscher gegenüber uns Signern.

Dolmetscher mit Herz – Jan Eichler berichtet von seiner ehrenamtlichen Arbeit beim Verband für Gebärdensprachkultur und davon, dass – aufgrund seiner politischen Arbeit – er auch oft Dolmetscher benötigt, diese aber immer bezahlt werden müssen. Warum muss ein Ehrenamt einen Dolmetscher bezahlen? Könnte ein Dolmetscher nicht auch diesbezüglich quasi ein Ehrenamt bekleiden? Warum ist das nicht möglich? Stefanie Klefeker erwidert, dass dies nahezu unmöglich ist, man müsse sich nur vorstellen, wenn das herauskommt, will jeder einen kostenlosen Dolmetscher engagieren. Woraufhin Jan Eichler kontert, dass dies zwar richtig ist, aber ein Dolmetscher hat schließlich noch andere Stellen, die ihn bezahlen, er ist nicht nur von dem einen Auftrag anhängig. Erneut zustimmendes Klatschen aus dem Publikum.

Nun weist Alexandra Lorenz  – für uns Signer – überraschende Zahlen auf: Sie hat im Bundesverband der Dolmetscher eine Umfrage gestartet und präsentiert dem Publikum, dass durchaus eine große Mehrheit der Dolmetscher bereit wäre, ihr Honorar flexibel zu gestalten, die Fahrtkosten ganz abzuschaffen und ständig Qualitätsverbesserungen nachzuweisen. Wo bitteschön wären denn die Dolmetscher „ohne“ Herz? 

Auf die Frage, ob Dolmetscher bei Veranstaltungen der Gebärdensprachgemeinschaft als „private Leute“ teilnehmen, gibt der Moderator sich selber die Antwort: nämlich nie. Petra Feldmann pflichtet ihm diesbezüglich bei. Wenn sie so überlege, dann wären Dolmetscher zwar bei öffentlichen Veranstaltungen des GMU (Gehörlosenverband München und Umland) zugegen, aber an „kleineren Events“, z. B. Halloweenparty oder ähnliches, dagegen kaum. 

darauf gibt Stefanie Klefeker zur Antwort, dass für die Dolmetscher selber ihre Rolle oftmals nicht so klar ist. Wenn sie Kunden begegnen, wie verhält man sich? In welcher Rolle ist man dann dort? Aus dem Publikum hingegen sieht man, wie einige Gäste berichten, wenn Dolmetscher zugegen sind, werden sie von Signern angesprochen und u.a. um Rat bzgl. eines Problems gefragt, so nach dem Motto“ oh gut, dass du da bist, stell dir vor, mir ist das und das passiert, was soll ich jetzt machen?“. Von daher sieht man auch, dass manchen Signern die Grenzen auch nicht ganz klar sind.

Hier merkt der Moderator an, dass die Umfrage, die Alexandra Lorenz im Bundesverband der Dolmetscher gestellt hat, nicht ganz richtig sein kann. Angeblich wären nämlich über 70% der Dolmetscher häufig zu Gast auf Events der Gebärdensprachgemeinschaft. Wenn dies tatsächlich der Fall wäre, dann müssten die Dolmetscher perfekt voicen können. Dies nur zur Anmerkung an einen Einspielflm, der zu Anfang gezeigt wurde, worin es darum ging, dass Dolmetscher oft nicht mitkommen, was Signer gebärden; in diesem Fall ein wichtiges Event, nämlich die Teilnahme an einer politischen Diskussion zum Bundesteilhabegesetz, worauf Sascha Nuhn sich vorbereitet hatte, um viele Fragen zu stellen. Leider kamen die Dolmetscher mit seiner Art zu gebärden überhaupt nicht zurecht, er wurde mehrfach unterbrochen, er möge doch bitte langsamer gebärden, und endete damit, dass Sascha Nuhn so durcheinander kam, dass er selber sein eigentliches Anliegen gar nicht mehr überzeugend präsentieren konnte. Für dieses so wichtige Ereignis solch ein Reinfall! 

Schließlich hat Jan Eichler noch eine interessante Anmerkung für das Publikum parat. Es ist festzustellen, dass ein Dolmetscher, der gerade seinen Abschluss in der Tasche hat, direkt soviel verdient, wie ein Dolmetscher, der schon länger in seinem Beruf arbeitet. Dies wäre so auch nicht ganz korrekt, zumal einem „Frischling“ mit Sicherheit die Erfahrung fehlt, vor allem, was das Voicen betrifft. Er merkt aber auch an, dass es durchaus ehrliche Dolmetscher gibt; so hat er bereits einige Male die Erfahrung gemacht, dass nach getanem Übersetzen Dolmetscher ihn gebeten haben, sie beim nächsten Mal nicht mehr zu buchen, da sie mit seiner Gebärdensprache überfordert sind. 

Hier wäre es wichtig, anzusetzen, dass Dolmetscher sich auf bestimmte Bereiche des Dolmetschens spezialisieren würden, im medizinischen, im gerichtlichen und andere.

Schlussendlich merkt Alexandra Lorenz an, dass nun eine Qualitätskontrolle im Bundesverband eingeführt wird. Eine Kooperation mit der Universität wird angestrebt, um zu gewährleisten, dass Dolmetscher ein Maximum an Leistung und Qualität vorweisen können. Jan Eichler ist der Meinung, dass man schon in Berufsanfänger und Fortgeschrittene klassifizieren sollte. Auf dem Podium merkt Petra Feldmann an, dass eine Supervision unverzichtbar sei, denn ein Signer kann nun mal nicht testen, ob das Voicen einwandfrei funktioniert. 

Als es zum finalen Abschluss kommt und das Publikum Fragen stellen darf, bildet sich schnell eine lange Schlange; jedoch können aus Zeitgründen nicht alle Fragen beantwortet werden. Es wird unter anderem gefragt, warum es keine Tarifverträge für Dolmetscher gibt? Die plausible Antwort: es sind ja alles Freiberufler, somit nicht Mitglied in der Gewerkschaft.

Karina Knipping, die 2. Vors. des BGSD

Ebenfalls eine wichtige Frage einer Teilnehmerin: ich bin jetzt Rentnerin, wer bezahlt mir in Zukunft meine Dolmetscher?

Im abschließenden Fazit wird deutlich, dass nur ständiges Verbessern die Qualität der Dolmetscher erhalten kann, zumal die Gebärdensprachgemeinschaft nicht mehr dieselbe ist wie früher. Wir sind selbstbewusste Signer geworden und haben den Anspruch, von der Gesellschaft eben als solche wahrgenommen zu werden und dies geht nur, wenn man qualitativ hochwertige Dolmetscher an seiner Seite hat, die uns individuell folgen – und nicht umgekehrt!

Schon jetzt lädt Jan Eichler zum nächsten Feuer frei ein, das am 17.April 2020 wieder in den Räumen des Rautenstrauch – Joest Museums stattfindet und zwar mit einem Thema, das uns Signer keinesfalls gleichgültig sein darf:

                          „Wir werden älter – aber wohin?“

Ganzer Film aus V: Feuer frei vom 11.10.19

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